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Mit Licht gegen Dunkelheit – Interview mit Tag Meir-Gründer Gadi Gvaryahu

Dieses Interview mit dem Gründer und Vorsitzenden von Tag Meir, Gadi Gvaryahu, wurde am 2. Februar 2023 von Danuta Sacher für NIF Deutschland geführt. Tag Meir ist eine Koalition gegen Rassismus in Israel, die seit vielen Jahren vom New Israel Fund unterstützt wird und aktuell Förderung aus dem Nothilfe-Fonds erhält.


Bitte erzählen Sie uns die Geschichte von Tag Meir – warum gibt es diesen Zusammenschluss?

Tag Meir ist eine Koalition, die im November 2011 aufgrund der Zunahme von sogenannten Pricetag ("Preisschild")-Angriffen gegründet wurde. Das sind Racheanschläge von jüdischen Rechtsextremisten gegen unbescholtene Palästinenser:innen. Wir waren der Meinung, dass hierauf reagiert werden muss.

Das erste Mal, dass wir diesen Begriff "Price Tag" hörten, war im Dezember 2009. Im Hebräischen heißt das תג מחיר (Tag Mechir), und wir nennen uns Tag Meir („Licht bringen“). Das klingt ähnlich, ist aber genau das Gegenteil. Wir bringen Licht, sie bringen Dunkelheit.

Ihre Logik lautet: Ihr zahlt den Preis für etwas, das eure Nachbarn oder Freunde, eure Nation uns angetan hat. Es geht im Grunde um Rache. Natürlich nicht von der Armee, nicht von der Polizei, sondern von normalen Menschen. Sie denken, sie stehen über dem Gesetz. Wenn so furchtbare Angriffe passieren, wie vor wenigen Tagen in Jerusalem gegen jüdische Personen[1] , werden diese Leute mit "Price Tag" Aktionen gegen unschuldige Palästinenser:innen antworten, oder gegen Christen oder Moslems.

Aktivist:innen von Tag Meir bei der Aktion: "Licht statt Terror", Foto: Nadia Eisner, 2015 via Shatil Stock

Wir sind eine Koalition von etwa 50 Organisationen - säkularen, religiösen, darunter orthodoxe, konservative, reformierte, Jugendbewegungen, Studenten, Synagogen aller Art. Wir haben fast 500 Freiwillige im ganzen Land und mehr als 60.000 Follower auf Facebook. Wann immer es ein Hassverbrechen gibt, sei es in Jerusalem, im Norden oder im Süden Israels, organisieren wir einen Solidaritäts-Besuch bei den Opfern. So wie gestern. Gestern besuchten wir ein Restaurant in der Altstadt von Jerusalem, das einem Armenier gehört. Dieses Restaurant und seine Gäste wurden vor einer Woche von rechtsextremen Juden angegriffen. Für diese Rechtsextremen verdient jeder und jede, die nicht jüdisch sind, einen Angriff oder etwas Hässliches. Wir waren 15 Besucher:innen gestern und tranken zusammen Tee. Aber es geht nicht nur um einen einmaligen Besuch. Manchmal richten die Angreifer:innen Schaden an und die Betroffenen brauchen Rechtsberatung, wirtschaftliche Unterstützung oder etwas Langfristiges. Wir arbeiten schon seit mehr als zehn Jahre in diesem Bereich, und viele der unterstützten Menschen sind unsere Freund:innen geworden. Wir haben viele muslimische, christliche und drusische Freund:innen, die Mitglieder von Tag Meir geworden sind und mit uns andere Opfer besuchen, natürlich auch Jüdinnen und Juden. Zum Beispiel haben wir die jüdischen Familien besucht, die bei dem Anschlag Ende Januar[2] Angehörige verloren haben. Es ist für uns absolut grundlegend, keinen Unterschied zwischen betroffenen Jüdinnen und Juden, Christ:innen oder Moslems zu machen. Bei einem Terroranschlag gehört den Betroffenen unterschiedslos unsere Solidarität.


Sie sagten, dass Sie moralische Solidarität, Besuche bei den Menschen, Rechtsbeistand und auch wirtschaftliche Unterstützung leisten?

Ja, manchmal rauben die Angreifer:innen Menschen aus, schlagen oder verletzen sie körperlich oder zünden dein Auto oder dein Haus an. Wir haben sehr grausame Vorfälle und auch die Ermordung von Menschen erlebt. Die betroffenen Menschen brauchen mehr als nur einen einmaligen Solidaritätsbesuch.

Das Geld, mit dem Sie helfen, stammt aus privaten Spenden?

Ja, von Privatleuten. Viele Israelis geben etwas, hundert, zweihundert Schekel.


Welche Beziehung haben Sie zum New Israel Fund (NIF)?

Der NIF unterstützte uns von Anfang an und verdient wirklich große Anerkennung. Sie haben uns vor elf Jahren geholfen, die Idee zu entwickeln. Denn außer einem guten Ansatz braucht man Leute, die dem Form geben und die Ideen umsetzen. So brauchten wir jemanden, der sich um Kommunikation kümmert. Wenn es zum Beispiel einen Angriff auf eine Kirche gibt, muss man sofort reagieren. Inzwischen wartet die Öffentlichkeit auf unsere Reaktion. Am Anfang wusste keiner, was Tag Meir ist. Jetzt rufen sie an und fragen: Was sagt ihr dazu? – Es braucht natürlich auch jemanden, der die Solidaritätsbesuche organisiert, und wir brauchen einen Anwalt.


Solidaritätsbesuch und Aufräumen nach Vandalismus in einer Kirche, Foto: Dani Gigi via Shatil Stock


Verstehe ich richtig, dass es in den meisten Fällen keine staatliche Hilfe gibt?

Wenn die Angriff in der West Bank oder wie auch immer sie es nennen - Judäa und Samaria - passiert, sind die Palästinenser:innen ja keine Staatsangehörigen, sie haben keine gleichen Rechte. In extremen, wirklich extremen Fällen kann man sich an das Verteidigungsministerium wenden, und das wird einige Jahre dauern. Aber wenn man sofortige Unterstützung braucht, gibt es keine staatliche Hilfe.


Sie arbeiten sowohl in Israel als auch in den besetzten Gebieten?

Ja, im Unterscheid zu anderen Organisationen, die die Grüne Linie[3] nicht überschreiten. Wir denken, in Notfällen muss man Linien überschreiten, grüne oder rote oder welcher Farbe auch immer. Die Leute brauchen Hilfe, sie sind verzweifelt. Diese Solidaritätsbesuche helfen übrigens auch weitere Racheaktionen zu verhindern. Wenn wir mit fünf Bussen kommen, mit 300 Leuten, die Solidarität zeigen, sind die Leute vor Ort meistens überrascht. Davor dachten sie, dass alle Jüdinnen und Juden Mörder:innen sind. Plötzlich sehen sie 300 Menschen im Dorf, und alle drücken ihr Mitgefühl aus. Das ändert vieles, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Deshalb sind diese Besuche für beide Seiten von entscheidender Bedeutung. Wenn Palästinenser:innen jüdische Familien besuchen, ist das genauso. Wir hatten einen schrecklichen Fall in einer Siedlung namens Tekoa mit einer Familie namens Ansbacher.

Sie hatten eine wunderbare Tochter, Ori Ansbacher. Sie wurde von einem palästinensischen Terroristen vergewaltigt und ermordet. Wir besuchten also ihre Familie und erhielten Anrufe von Palästinensern, die uns sagten, dass sie mit uns die Familie Ansbacher besuchen wollten. Natürlich haben wir nicht nein gesagt. Wir baten die Familie um Erlaubnis. Es war nicht leicht für sie, ja zu sagen. Es war ein starkes Statement und für keinen der Beteiligten einfach.

Ist es nicht eine mutmachende Erfahrung, dass es in Israel viele Menschen gibt, die diese Bemühungen unterstützen? Im Unterschied zu den Wahlergebnissen, die einen manchmal zur Verzweiflung bringen können...

Ja, viele, viele Menschen sind an unseren Aktivitäten beteiligt. Als Struktur sind wir sehr klein. Wir haben fünf Mitarbeitende auf etwa drei Vollzeitstellen. Wir haben einen Fotografen. Denn man will ja nicht, dass nur die 15 Teilnehmenden einer Aktivität davon wissen, sondern mindestens 200.000 weitere Menschen. Also stellt man die Fotos auf Facebook und so weiter. Wir sind sehr klein als Organisation, aber wir haben viele Anhänger:innen und Freiwillige im ganzen Land.


Tag Meir hat auch den sogenannten „Blumen-Marsch“ erfunden, als Gegen-Aktion zum sogenannten Flaggen-Marsch, der seit Jahrzehnten jedes Jahr von israelischen Nationalist:innen am Jerusalem-Tag stattfindet. Was sind Ziele und Botschaften dieses Blumen-Marsches?

Den Jerusalem-Tag gibt es seit dem Sechs-Tage-Krieg, als Israel Ost-Jerusalem und die West Bank besetzte. Der Tag heißt Jom Jeruschalaijm und ist seit 1998 nationaler Feiertag.E r wird jährlich begangen, um die israelische Besetzung Ost-Jerusalems zu feiern. Wir schreiben niemandem vor, wie er:sie den Tag begehen soll, vor allem nicht in Jerusalem, wo 40 % der Einwohner:innen Palästinenser:innen sind. Für sie ist dies natürlich kein Freudentag. Man muss also sensibel dafür sein, wenn 40 % der Nachbar:innen an diesem Tag nicht das "vereinigte Jerusalem" feiern wollen.

Teilnehmende des Blumenmarsches 2022 in Jerusalem, Foto Nadia Eisner via Shatil Stock

Es gibt also jedes Jahr einen [Anm. d.R. von israelischen Nationalisten organisierten und meist von rassistischer Hassrede begleiteten] Marsch mit israelischen Fahnen.

Der Flaggen-Marsch verläuft von Westjerusalem in das [völkerrechtswidrig besetzte] Ostjerusalem zur Klagemauer, quer durch die Altstadt und durch das muslimische Viertel. Das ist insgesamt sehr problematisch. Es ist, als wolle man die Palästinenser:innen wieder schlagen, jedes Jahr wieder und wieder, auch mit Hassliedern. Wir versuchten vor sieben Jahren, mit den Organisator:innen des Fahnenmarsches zu sprechen, und baten sie, wenigstens eine andere Route zu nehmen und nicht durch das muslimische Viertel zu gehen. Sie haben nicht zugehört. Wir haben uns auch an den Obersten Gerichtshof gewandt, aber auch das hat nichts gebracht. So beschlossen wir vor sieben Jahren, selber mit Blumen zu marschieren. Am Anfang waren wir eine kleine Gruppe, aber jedes Jahr wurden es mehr. Wir nennen die Aktion "Blumen für den Frieden“, beschriften kleine Anhänger und bieten die Blumen den Passant:innen an. Nicht jeder und jede findet das gut. Viele wissen, dass drei Stunden später die 'anderen' Juden mit den israelischen Fahnen kommen werden. Also sagen manche: Wir brauchen eure Fahnen nicht und wir brauchen eure Blumen nicht, geht weg.

Aber viele Menschen nehmen die Blumen mit einem Lächeln, und auf dem Anhänger der Blumen steht, dass es uns leid tut, dass wir wissen, dass dies nicht Ihr Feiertag ist, und dass wir Ihnen einfach eine Blume des Friedens geben wollen, weil wir mit Ihnen in Frieden leben möchten. Das ist der Hintergrund des Blumen-Marsches.

Unsere Aktion läuft nicht parallel zum Fahnenmarsch, sondern wir gehen getrennt voneinander, einige Stunden vorher. Wir gehen in einer Gruppe zum Jaffa-Tor, zum Damaskus-Tor und überreichen die Blumen allen, die uns begegnen - Palästinenser:innen und Israelis.

Wir haben viele Jugendliche und Studenten unter den Aktiven. Jede:r ist willkommen, auch ältere Menschen - gestern Abend hatten wir eine Altersspanne von 18 bis 80 Jahren.


Nehmen Palästinenser am Blumen-Marsch teil?

Nur wenige, und das verstehe ich: sie wollen mit diesem Tag nicht in Verbindung gebracht werden. Es ist kein glücklicher Tag für sie. Der Blumen-Marsch ist eine Geste des jüdischen Volkes an sie.

Im Rahmen des Blumenmarsches verteilen Teilnehmenden als Zeichen gegen Gewalt und Hassrede Blumen, Foto: Nadia Eisner, via Shatil Stock

Ich denke schon, dass die Wirkung gut ist. Wir sind zwar nicht so viele wie die mit den Fahnen. Sie sind etwa 50-60.000 und wir sind ein paar Hundert. Aber jeder kennt den Blumenmarsch trotz der [vergleichsweise geringeren] Zahlen. Letztes Jahr haben wir 3.000 Blumen verteilt. Jedes Jahr erhöhen wir die Zahl der Blumen. Hoffentlich wird das eines Tages die Art und Weise sein, wie wir dieses Datum feiern - mit Blumen.

[1] Schüsse auf Personen, die eine Synagoge im besetzten Ost-Jerusalem verließen am 27.01.2023 [2] Siehe Fußnote 1 [3] Die Grüne Linie kennzeichnet die Waffenstillstandslinie von 1949, die nach UN-Beschlusslage die Grenze zwischen Israel und einem künftigen Staat Palästina sein soll.

[MS1]Hier noch eine Erklärung einfügen, was der March of the Flags ist? Und von wem das organisiert wid? Sonst klingt das zu harmlos.

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