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Replik auf „Der Israel-Skandal der Berlinale"

Aktualisiert: März 31

Der NIF Deutschland antwortet auf den Artikel „Der Israel-Skandal der Berlinale" von Jan Küveler aus der Welt vom 2.3.2021


Avi Mograbi in seinem Film "The First 54 Years" - Quelle: Avi Mograbi

Jan Küvelers Artikel „Der Israel-Skandal der Berlinale“ (Welt, 2.3.2021) ist empörend. Empörend, nicht allein wegen einer Sprache, die Avi Mograbis Darstellung der israelischen Besatzungsrealität in dessen Berlinale Beitrag „The First 54 Years“ als „verräterisch simpel“ diskreditiert. Empörend ist Küvelers Text vor allem, weil er Mograbis israelische Positionierung zur „als Dokumentation getarnte[n] antiisraelische[n] Propaganda“ denunziert und die Legitimität von deren öffentlicher Aufführung in Berlin in Zweifel zieht. Auch deshalb behauptet Küveler, dass Mograbi der antiisraelischen „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) „unzweifelhaft ideologisch nahe“ stehe und sich dessen Einladung zur Berlinale „nicht nur gemäß bundesdeutscher Staatsräson eigentlich selbst verbieten sollte“. Kassiert wird damit nicht nur die Differenz zwischen der BDS-Kampagne einerseits und Mograbis Filmprojekt andererseits, das die Erfahrungen israelischer Soldaten mit der Realität der seit 1967 andauernden Besatzung hör- und sichtbar zu machen sucht. Vor allem wird damit einer innerisraelischen Stimme, die für eine gemeinsame Zukunft von Israelis und Palästinensern eintritt, ihre Legitimität im öffentlichen Diskurs entzogen. Auch Mograbis Quellen, die – mit Küveler gesprochen – möglicherweise „dem Archiv der selbst ernannten Nichtregierungsorganisation ‚Breaking The Silence“ entstammen, erleiden dieses Schicksal. Weil „Breaking The Silence“ mit ihrer Sammlung von Erfahrungsberichten und Selbstzweifeln israelischer SoldatInnen der gegenwärtigen Regierung „ein Dorn im Auge“ ist und von ihr bekämpft und delegitimiert wird, gerät sie auch Küveler zur nur „selbst ernannten“ – ergo: staatlich nicht autorisierten – Nichtregierungsorganisation. Dass „Breaking The Silence“ noch 2004 in den Räumen der israelischen Knesset ihre erste Ausstellung zeigen konnte, gerät demgegenüber zur Marginalie. Dramatischer ist, dass Küvelers Rede von einer „besonderen Verantwortung“ der Deutschen sich zum Schlag gegen jene Israelis wandelt, die sich selbstkritisch mit Politik und Verantwortung der Regierung ihres eigenen Staates auseinandersetzen. Küvelers Geschichtsverständnis verkürzt sich demgegenüber auf eine partikulare Moral, die sich den existenziellen Fragen von Avi Mograbi und „Breaking The Silence“ gar nicht zu stellen braucht. Gerade weil der israelisch-palästinensische Konflikt jedoch auch eine Folge deutscher und europäischer Geschichte ist, ist nicht die Aufführung des Filmes, sondern eine solch reglementierende Belehrung von Israelis „in der ehemaligen Reichshauptstadt der Nazis“ skandalös.

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