“Wir sprechen seit dem 7. Oktober 2023 an dieser Schule zum ersten Mal über das Thema” – damit begrüßt ein Lehrer unser Workshop-Team noch im Juli 2025, also fast zwei Jahre nach den Terrorangriffen der Hamas auf den Süden Israels.
Nicht erst seit den Angriffen mit 1200 Toten und in dem darauffolgenden, bis heute andauernden Krieg in Gaza ist das Reden über Israel und Palästina nicht einfach. Doch erleben wir, dass die Emotionalisierung in der gesamten deutschen Gesellschaft seitdem zugenommen hat – so auch in den Schulen. Dort treten Überforderung oder Sorge auf, der Komplexität des Themas oder den aufkommenden Emotionen nicht gerecht werden sowie Antisemitismus oder Rassismus nicht richtig begegnen zu können. Nur: Auch wenn man den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht explizit thematisiert, tritt er aufgrund der Flut der Bilder und Schlagzeilen doch im Klassenraum zutage, oft zu Lasten von Schüler:innen, die Familie in der Region haben.
Wir haben als Bildungsprogramm-Team des NIF Deutschland zwei innovative Methoden entwickelt, um das Thema Israel und Palästina besprechbar zu machen und dabei insbesondere auch Raum für den Austausch zu Emotionen zu schaffen. Dafür haben wir mit den Initiator:innen des Comicprojekts “Wie geht es Dir?” Materialien entwickelt, in denen die Teilnehmenden künstlerische Ausdrücke auf eben jene Frage finden. Gemeinsam entstehen so Räume für empathisches Zuhören und Austausch. In einem weiteren pädagogischen Ansatz wird die Komplexität von Konflikten durch Musik sowie das bewusste Erfahren von Gruppen- und Machtdynamiken vermittelt. Beide Workshopangebote sind zum Start in das neue Schuljahr für Berliner Schulen buchbar.
Doch warum fällt das Reden so schwer?
Der israelisch-palästinensische Konflikt hat nicht nur weltpolitische Bedeutung, sondern ist in Deutschland auch ein Thema, an dem sich politische und gesellschaftliche Fragen entzünden: Welche Geschichten erfahren Aufmerksamkeit? Wessen Schmerz oder Sorgen erhalten Anerkennung?
Für viele Schüler:innen in Berliner Schulen haben die Fragen ganz persönliche Dimensionen: Schüler:innen mit palästinensischer Familie, die sich um ihre Familienangehörigen sorgen oder Verluste betrauern. Jüdische Schüler:innen, die sich in ihrem Schmerz allein gelassen fühlen. Mitschüler:innen, die mitfühlen mit erlittenem Leid, die keinen Umgang finden mit den traumatisierenden Bildern, die sie in den Unterrichtspausen auf den sozialen Medien sehen.
Die Räume für das Besprechen dieser Fragen fehlen in den Klassenräumen, da der Lehrplan eine Bearbeitung emotionaler Prozesse nicht vorsieht, Lehrkräfte weder entsprechend ausgebildet sind noch die zeitlichen Kapazitäten haben. Und auch in der außerschulischen politischen Bildung ist die Arbeit mit Emotionen für viele neu.
Mit unserem pädagogischen Angebot wollen wir einen Beitrag dazu leisten, diese Lücken zu schließen:
„Wie geht es dir?“ – Wir bringen ein Comic-Projekt für Wege aus der Sprachlosigkeit an Berliner Schulen
In Bezugnahme auf das Comicprojekt „Wie geht es dir?“ haben wir pädagogische Materialien entwickelt, um Lehrkräfte bei der sensiblen Behandlung von Antisemitismus, Rassismus und Vielfalt in der Bildungsarbeit zu unterstützen.
Für das Comicprojekt wurde 60 Personen die Frage „Wie geht es dir?“ in Interviews gestellt. Die Antworten wurden von Comicautor:innen in wenigen Zeichnungen und mit kurzem Text wiedergegeben. 60 Personen erzählten, wie es Ihnen zum Zeitpunkt des Interviews in Bezug auf die Situation in Israel und Palästina geht. Die Interviewten sind von Antisemitismus und Rassismus betroffen oder befassen sich mit der Bekämpfung von menschenfeindlichen Ideologien. Die Vielzahl an Perspektiven verdeutlicht, dass es nicht die eine “wahre” Sicht geben kann, sondern es vielmehr einen multiperspektivischen Ansatz braucht, der verschiedene Narrative und Erfahrungen sichtbar macht. Gleichzeitig sind viele der emotionalen Lagen doch miteinander vergleichbar und sich mitunter sehr ähnlich.
Die entstandenen Comics sind als Comicband veröffentlicht. Außerdem gibt es eine umfassende Ausstellung in dreifacher Ausführung. Die Anfertigung einer Ausgabe der Ausstellung ist von der Berliner Landeszentrale für politische Bildung finanziert und steht für Berliner Schulen zur Verfügung. Es ist geplant, die Ausstellung in Berlin zum Jahresende öffentlich zugänglich zu machen.

Die Workshops sehen vor, dass Schüler:innen auch selbst die Möglichkeit zum Ausdruck bekommen: In der Arbeit mit den Comics fragen Schüler:innen ihre Mitschüler:innen die Frage “Wie geht es Dir?” in Form eines Interviews und lernen die Gefühle in Form eines Comics auszudrücken. Dabei wird der kreative Prozess unterstützt durch Fragen wie, mit welchem Tier oder Pflanze der israelisch-palästinensische Konflikt emotional assoziiert werde. So schaffen wir den Rahmen für empathisches Zuhören und kreativen Austausch.
“Die Teilnehmenden lernen mit einer sehr einfachen Methode einander zu porträtieren und auch Gefühle zu zeichnen – somit werden sie spielerisch aufmerksamer und trainieren eine gegenseitige Wertschätzung von verschiedenen Gefühlslagen. Durch die spielerischen Zeichenübungen sind alle sehr schnell in der Lage, ein kleines Comic zu machen – und alle schaffen es, ganz ohne Voraussetzung.“ (Nathalie Frank; Autorin und Initiatorin).
Konflikte erleben und lösen– mit der Silent Disco
In dem zweiten neuen Workshopangebot des Bildungsprogramms wird die Komplexität von Konflikten durch Musik sowie das bewusste Erfahren von Gruppen- und Machtdynamiken vermittelt.
In Zusammenarbeit mit dem Körperfunkkollektiv GbR haben wir einen innovativen Audio-Workshop entwickelt, der aufzeigt, wie identitätsbasierte Konflikte entstehen und welche Auswege möglich sind.
“Die Schüler:innen brauchen einen erfahrungsbasierten Zugang zum Thema Konflikte, den eröffnen wir ihnen hiermit. Es wird getrampelt und geklatscht und alle sind ziemlich verwirrt, über das, was da gerade passiert ist. Das ist großartig!” (Jan-Hinrich Wagner, Leiter des Bildungsprogramms des NIF D).
Dabei ist die Idee vom Prinzip der Silent Disco inspiriert, in der Teilnehmende über Kopfhörer verschiedene Tonspuren hören und so in unterschiedliche Rollen versetzt werden. In diesen Rollen erleben sie einen fiktiven Konflikt zwischen Gruppen, sind Teil der Handlung und müssen im Laufe der Simulation gemeinsame Lösungen entwickeln. Die Teilnehmenden tragen während der ganzen Zeit Kopfhörer, die von uns mitgebracht werden. Über diese Kopfhörer werden Informationen und Anweisungen übermittelt. Da wir gleichzeitig mehrere Tonspuren nutzen können, erhalten nicht alle im Raum die gleichen Informationen.
Im Verlauf einer Durchführung werden zunächst drei Gruppen gebildet und die Gruppenidentitäten durch eingängige Rhythmen gefestigt. Anschließend versuchen sich die Gruppen, immer angeleitet über die Kopfhörer, gegen die anderen Gruppen zu behaupten und geraten so mit diesen in Konflikt. In der Simulation führt der Konflikt ins Desaster und die Teilnehmenden müssen anschließend einen Weg aus dieser Situation herausfinden. Auch dafür erhalten sie Anleitungen. Wir begleiten den Prozess in pädagogischen Auswertungsrunden, die Raum für Reflexion geben – auch über reale gesellschaftliche Herausforderungen und Möglichkeiten des Engagements.
Diese beiden Projekte fügen sich in unser bestehendes Angebot zu den Bereichen Vielfalt und Diskriminierung sowie Einblicke in israelische und palästinensische Zusammenhänge ein und komplementieren dieses. Wir freuen uns sehr auf die kommenden Workshops an den Schulen in Berlin und stehen für Rückfragen, auch über Berlin hinaus, immer zur Verfügung bildungsprogramm@nif-deutschland.de.
Die Arbeit wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin.


