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“Kick it out” – Widerstand gegen Rassismus im israelischen Fußball

Aktualisiert: 16. Aug 2019

Im israelischen Fußball gibt es immer wieder rassistische Vorkommnisse, wie in anderen Ländern auch. Von vielen Seiten gibt es dagegen Widerstände. Fans in Jerusalem gründeten ihren Verein neu, weil sie ihn von einer rechtsradikalen Fangruppe übernommen sahen. Ein Vereinspräsident will sich von den Fans nichts sagen lassen und kaufte zwei muslimische Spieler ein. Und ein Frauenteam füllte seine Reihen mit Spielerinnen aus arabischen Dörfern aus Nordisrael. Auch der Israelische Fußballverband reagierte regelmäßig mit Sanktionen auf rassistische Vorfälle, kooperiert aber auch schon länger mit dem antirassistischen Projekt des New Israel Fund "Kick it out", das demnächst auch in Berlin vorgestellt werden soll.

Der komplette Artikel über ein NIF-Projekt kann auf fussball-gegen-nazis.de oder hier gelesen werden:


"Kick it out" – Widerstand gegen Rassismus im israelischen Fußball

Von Redaktion Fussball-gegen-nazis.de


Im israelischen Fußball gibt es immer wieder rassistische Vorkommnisse, wie in anderen Ländern auch. Von vielen Seiten gibt es dagegen Widerstände. Fans in Jerusalem gründeten ihren Verein neu, weil sie ihn von einer rechtsradikalen Fangruppe übernommen sahen. Ein Vereinspräsident will sich von den Fans nichts sagen lassen und kaufte zwei muslimische Spieler ein. Und ein Frauenteam füllte seine Reihen mit Spielerinnen aus arabischen Dörfern aus Nordisrael. Auch der Israelische Fußballverband reagierte regelmäßig mit Sanktionen auf rassistische Vorfälle, kooperiert aber auch schon länger mit dem antirassistischen Projekt des New Israel Fund "Kick it out", das demnächst auch in Berlin vorgestellt werden soll.


Rassismus ist auch im israelischen Fußball ein Problem, nicht anders als in den europäischen Ligen. Er richtet sich besonders gegen arabische Spieler, aber auch schwarze Spieler aus dem subsaharischen Raum erleben immer wieder Anfeindungen. Medial am präsentesten ist der Verein Beitar Jerusalem, genauer seine rechtsradikale Fangruppe namens "La Familia". Der Name erinnert an Hooliganzusammenschlüsse aus dem rechten Spektrum in Deutschland, sich als eine Familie zu fühlen und darzustellen ist ein bekanntes Motiv. In "ihrer Familie" will die Fangruppe von Beitar Jerusalem voll allem eines: keine Araber. Bis 2013 war das bei dem Jerusalemer Verein der Fall. In der damals 65-jährigen Klubgeschichte lief kein arabischer Spieler für Beitar auf. Die kleine, extrem antiarabische Fangruppe "La Familia" verteidigte das mit Stolz. Bei einem Spiel Anfang Februar 2013 riefen sie "Kein Einlass für Araber" und "Beitar rein für immer". Trotzdem kaufte der Vereinsbesitzer Arkady Gaydamak zwei tschetschenische Spieler ein – Zaur Sadayev und Gabriel Kadiev, er wollte sich die Vereinspolitik von den Fans nicht diktieren lassen. Beide Spieler sind Muslime. Die rechtsradikale Fangruppe drohte dem Verein und dann legten Unbekannte ein Feuer im Clubhaus. Beim ersten Spiel der neuen Teammitglieder Mitte Februar 2013 sicherte die Polizei das Stadion ab, die Fanszene zeigte sich gespalten. Ein Teil verwehrte der neuen Mannschaft die Unterstützung, ein anderer Teil der Fans feuerte die Spieler an und zeigte Transparente wie "Liebe ohne Bedingungen". Der Vereinspräsident verbat seinen Spielern zu Beginn vor deren Fankurve aufzulaufen, um den rechten Fans keinen Anlass zu Gewalttätigkeiten zu liefern.


Reaktionen gab es auch von der Israelischen Fußballliga IFA, die schon mehrfach Strafen wegen rassistischer Vorkommnisse verhängte. "La Familia" bleibt dagegen ein Problem. Im Juli 2014 berichtete der Deutschlandfunk, dass sechs Tatverdächtige für den Mord an einem palästinensischen Jugendlichen festgenommen wurden – unter ihnen seien auch mutmaßliche Mitglieder der rechtsradikalen Fangruppe. Die Tat wird als Racheakt für die im Vorfeld liegende Entführung und Ermordung von drei israelischen Jungen gehandelt.


"Wir haben unser Team von Herzen geliebt. Aber die Rassisten haben übernommen."


Viele israelische Fußballfans machen sich gegen Rassismus stark. Im September des vergangenen Jahres gründeten Fans von Beitar Jerusalem einen neuen Verein – Beitar Nordia. Sie hatten die fortdauernde Dominanz der Fangruppe "La Familia" bei ihrem Stammverein satt, immer weniger Zuschauer*innen gingen deshalb ins Stadion zu Beitar Spielen. Mit der Neugründung berufen sich die Fans auf die Tradition des 1936 gegründeten alten Beitar Jerusalem und nahmen den damaligen Namen des Vereins an. "Wir sind Zionisten und lieben unser Land", sagte Dr. Itsik Alfasi einer der Gründer von Nordia, und fährt fort: "Wir glauben, dass alle Menschen gleich sind, egal welcher Religion, welchem Gender oder welcher ethnischer Zugehörigkeit sie sind. Wir haben unser Team von Herzen geliebt. Aber weil die Rassisten den Club übernommen haben, fühlen wir uns beschämt von Beitar." Wie viele andere Clubs gehört Beitar Nordia nun der Dachorganisation Israfans an, die sich für Fanrechte und auch gegen Rassismus in den Stadien einsetzt. Aus ihrem Umfeld gab es wiederholt Proteste vor Beitar Jerusalem Spielen, um von Fanseite für Offenheit und gegen Rassismus Position zu beziehen. In Israel existieren, anders wie in Deutschland, keine Fanprojekte, die sich professionell und Vereinsunabhängig den Faninteressen annehmen könnten. Israfans versucht, diese Lücke zu schließen.


Gemischte Teams auch im Frauenfußball – für die Spielerinnen kein Problem


In Israel ist ein Fünftel der Bevölkerung arabisch. Immer, wenn die politischen Spannungen zwischen Israel und dem palästinensischen Autonomiegebiet stärker werden, schlägt sich das auch in einer rassistischen Stimmung nieder. Der israelische Publizist Uri Russak schreibt auf Journal21: "Es ist eine Tatsache, dass arabische Integration im israelischen Fussball sehr fortgeschritten ist, weit über den Rahmen des arabischen Bevölkerungsanteils hinaus. Arabische Israelis spielen in fast allen Clubs und in der israelischen Nationalmannschaft." Was auf Vereins- und Teamebene funktioniert, gefällt aber nicht allen Fans. Auch beim Frauenfußball-Team Hapoel Petah Tikvah kicken inzwischen viele arabische Frauen. Im Frühjahr 2014 verließen einige Spielerinnen das Team, um sich mit der National-Elf auf die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2015 in Kanada vorzubereiten. Der Verein füllte die Reihen mit Frauen aus arabischen Dörfern in Nordisrael. "Die Frauen sind gut integriert, alle sind zufrieden. Wir spielen erfolgreicher als vorher", sagte Vereinsgründer Rafi Subra damals. Aus dem Publikum schlägt den Spielerinnen aber auch viel Hass entgegen. Noura Abu-Shanab ist eine der arabischen Spielerinnen, sie berichtet in der Zeitung Haaretz von Anfeindungen wie "Dreckige Araberin!" oder "Geh zurück dahin, wo der herkommst!" während Spielen. Zwischen den Spielerinnen selbst gebe es dahingegen keine Probleme. Auch die Spielerin und Teammanagerin Shiran Schlechter sieht keine Differenzen, das Team spiele vereint, kämpfe aber auch gemeinsam gegen die antiarabischen Diskriminierungen.


Seit zwölf Jahren "Kick it out"


Seit 12 Jahren ist auch der New Israel Fund (NIF) mit seinem Projekt "Kick it out" gegen Rassismus im israelischen Fußball aktiv. Gemeinsam mit der IFA präsentierten sie im November beim EM-Qualifikationsspiel der Männer zwischen Israel und Bosnien (3:0) ihre aktuelle Kampagne "We´re all equal – we´re all one team". Ziel ist, die israelische National-Elf der Männer zum Vorbild für die gesellschaftliche Koexistenz in der israelischen Gesellschaft zu machen. "Kick it out nutzt die einzigartige Kraft des Fußballs, um Juden und Araber in Israel zusammen zu bringen", erklärte die deutsche Koordinatorin vom NIF. Das NIF arbeitet dabei mit verschiedenen Organisationen vor Ort zusammen und ist auch Mitglied des europäischen Fannetzwerks gegen Rassismus FARE. Bei "Kick it out" ist eine Reihe Freiwilliger aktiv, die jede Woche Fußballspiele besuchen, um diskriminierende Vorfälle, aber auch antirassistische Fanaktionen zu dokumentieren. Manchmal werden aus dem Monitoring auch Fälle gegenüber der IFA angezeigt, wie der Fangesang "Salim Tuama ist ein Terrorist", den Maccabi Tel Aviv Fans auf einen arabischen Spieler von Hapoel Tel Aviv anstimmten. "In den vergangen zwölf Jahren haben wir viel erreicht. Wir verzeichnen einen kontinuierlichen Rückgang von gewalttätigen und diskriminierenden Vorfällen. Und wir haben uns erfolgreich dafür eingesetzt, ein öffentliches Komitee zu gründen, um das Problem Rassismus im Fußball zu verhandeln", fährt die Koordinatorin fort. Der NIF ist sich der Spannungen des vergangenen Jahres zwischen Israel und Palästina, dem neuen Gaza-Krieg und dem Ausbruch der Gewalt in Jerusalem im vergangenen Herbst bewusst. Hält aber daran fest, dass Fußball eine der Möglichkeiten für die israelische Gesellschaft ist, um die Konflikte zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung zu entschärfen. "Juden und Araber haben hier die Möglichkeit, zusammen zu arbeiten."


Der NIF produzierte dieses Video zur aktuellen Kampagne, in dem ehemalige und aktuelle Spieler und Spielerinnen der Nationalteams angeführt von einem arabischen und einem jüdischen Jungen Fußballspielen. (Quelle: youtube)


Update 21.01.2015: Am Dienstag spielte das Potsdamer Frauenfußballteam Turbine Potsdam in Israel gegen das dortige Frauennationalteam und gewann das Freundschaftsspiel 5:0. "Kick it out" lud 30 Mädchen aus dem Fußballclub "Hapoel Katamon ein", um das Spiel live zu sehen. Der Verein ist der erste von Fußballfans selbst gegründete Fußballclub und setzt sich aktiv für Fanrechte in Israel ein, außerdem spielen viele arabische und jüdische Menschen gemeinsam im Verein. Desweiteren sind die Mitglieder von Hapoel Katamon sozial aktiv und bieten u.a. eine "Nachbarschafts-Liga" an. In der kicken Grundschulteams aus sozial schwachen Gegenden und erhalten als Benefit Hausaufgabenhilfe.

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