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Zu Rosch Haschanah 2021: Reflektionen, Erwartungen und Hoffnungen von Daniel Sokatch, CEO des NIF

In der jüdischen Tradition gilt Rosch Haschana als "Kopf" des Jahres, als eine Zeit, in der wir über das nachdenken, was gewesen ist und was sein wird. Ein Moment, in dem wir eine Bestandsaufnahme machen - über unsere Hoffnungen, unsere unmittelbaren Ziele, menschlichen Beziehungen und Strategien reflektieren. In diesen Momenten der Reflexion erkennen wir an, mit welchen Herausforderungen wir im letzten Jahr konfrontiert waren und im neuen Jahr weiterhin konfrontiert sein werden: Eine wieder erstarkende Pandemie, der Klimawandel und die damit verbundenen politischen Verwerfungen. Aber wir erkennen auch das Potenzial und die Möglichkeiten dieser ungewissen Zeit.

In Israel schafft die aus acht Parteien bestehende Regierungskoalition viel Ungewissheit. Es ist ein merkwürdiger Moment in der politischen Geschichte Israels, wenn Menschen, die ausdrücklich die Werte und Visionen des NIF teilen, und Menschen, die sie entschieden ablehnen, gleichermaßen hohe Ämter besetzen. Hier bietet sich aber auch eine Chance, die wir als progressive Vertreter:innen der Zivilgesellschaft nicht vergeuden werden. Die Zivilgesellschaft muss lernen, wie sie sich dauerhaft das Gehör der politischen Entscheidungsträger:innen verschafft.

Für NIF und unser Förderprogramm Shatil bedeutet das, dass wir nicht nur auf uns wohl gesonnene politische Entscheidungsträger:innen zugehen - die vielleicht zum ersten Mal seit Jahren ein hohes politisches Amt bekleiden - sondern auch auf deren Mitarbeiter:innen. Denn es sind oft die Beamt:innen und Verwaltungsangestellten, die die Handlungsweisen, Protokolle und Normen des Ministeriums bestimmen und die oft die jeweilige Regierung überdauern. Daher unterstützt der NIF zivilgesellschaftliche Akteur:innen bereits in der Frage, wie man effektiv mit diesen Staatsbediensteten zusammenarbeitet und dauerhafte Arbeitsbeziehungen aufbaut. Bei den Themen, die uns am Herzen liegen, wie arabisch-jüdische Zusammenarbeit, Wohnungsbau, Gesundheit, Verkehr und soziale Fürsorge stehen wir bereits im Austausch mit den Verantwortlichen.

Dies ist eine aber nicht die einzige Strategie, die wir im neuen Jahr verfolgen werden, um unsere Ziele zu erreichen. Wir werden auch dafür sorgen, dass marginalisierte und vulnerable Gruppen in der fortlaufenden Pandemie nicht zurückgelassen werden. Wir werden weiterhin Organisationen unterstützen, die die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Besatzung in den palästinensischen Gebiete aufdecken. Und wir werden weiterhin darauf bestehen, dass der einzige Weg zu einer sicheren demokratischen Zukunft für Israel ein Weg ist, der von gleichen Rechten, arabisch-jüdischer Zusammenarbeit und gesellschaftlicher Teilhabe für alle Bürger:innen geprägt ist.

Ich kann es nicht deutlich genug sagen: Die einzige demokratische Zukunft für Israel ist eine gemeinsame Zukunft. In Israel markiert Rosch Haschana auch den Beginn des Schuljahres. Diese Woche schrieb Michal Sella, die Direktorin der vom NIF geförderten Bildungsstätte Givat Haviva, auf Israels meistgelesener Nachrichtenseite Ynet, dass 99,6 % der Schüler:innen, die in diesem Jahr in die erste Klasse kommen, in ihren nächsten 12 Schuljahren keine:n Schüler:in treffen werden, der oder die nicht wie sie ist (egal ob Jude oder Araber). Mit anderen Worten: Bis zum Abitur wird die überwältigende Mehrheit der jüdischen Schüler:innen nur jüdische Mitbürger:innen kennenlernen, und die arabischen Schüler:innen werden nur Araber:innen kennenlernen. Michal zitierte zudem einen Bericht des Rechnungshofs vom letzten Mai, aus dem hervorgeht, dass die israelische Regierung die Bildungsarbeit in den Bereichen Antirassismus und Koexistenz aufgegeben hat.

Michal zog eine direkte Linie von dieser bildungspolitischen Vernachlässigung zu den gewalttätigen Ereignissen im Mai dieses Jahres, als sich Nachbar:innen gegeneinander wandten und Israel am Rande eines ethnischen Bürgerkriegs stand.

In ihrem Artikel schlug Michal einen Ausweg vor: Das Bildungsministerium könne ein Programm für gemeinsamen Unterricht und einen Lehrplan aufstellen und finanzieren, der darauf abziele, Rassismus und rassistische Gewalt zu bekämpfen. Programme, die arabische und jüdische Lehrer:innen und Schüler:innen miteinander bekannt machen, sind eine weitere Möglichkeit, Ängste abzubauen und Schritte in Richtung wirklicher gesellschaftlicher Teilhaber aller (“shared society”) zu unternehmen. Am wichtigsten ist vielleicht, dass das Bildungsministerium mehr Gewicht auf die Sprachausbildung legt, damit israelische Juden mehr als nur "Gib mir deinen Ausweis" auf Arabisch sagen können.

Michals Organisation, Givat Haviva, unterstützt genau diese Art der Bildungsprogramme, die sie in ihrem Beitrag beschreibt. Givat Haviva stärkt die Zusammenarbeit zwischen jüdischen und arabischen Gemeinden in Israels Norden. Diese Mission Givat Havivas - der Aufbau einer inklusiven, von sozialem Zusammenhalt geprägten Gesellschaft- möchte ich uns allen für das kommende Jahr mit auf den Weg geben.


Mögen wir im kommenden Jahr ein demokratischeres, verantwortungsvolleres, gerechteres und solidarischeres Israel erleben. Und möge 5782 ein gutes, friedliches, gerechtes und gesundes Jahr für uns alle sein. Schana Tova.


Ihr Daniel Sokatch

CEO New Israel Fund

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